Theater 2.0

Spielraum Internet

Theater in Second Life: Virtuell und was noch?

Der Begriff Theater 2.0 beschreibt einen neue Form des Theaters, das sich über das konventionelle Schema - hier die agierenden Schauspieler, dort das konsumierende Publikum -  hinwegsetzt und dem Zuschauer, in der Regel per moderner  Kommunikationstechnik, eine aktive Rolle zuweist. Diese kann von Mal zu Mal verschieden sein. In jedem Fall ist der Betrachter Teil des Stückes und kann es mitgestalten, sodass die Handlung unterschiedlich verläuft. Vorbild ist das sogenannte Web 2.0, das sich längst zum Mitmachinternet der Massen entwickelt hat.

Nun hat das Theater in der virtuellen Plattform Second Life Eingang gefunden. Doch ist es damit gleich ein Theater 2.0-Projekt, nur weil es sich der Technik des Internets bedient? Oder reicht die bloße Tatsache aus, dass es dieses Theaterexperiment ohne Internet gar nicht geben würde? Jenseits dieser Überlegungen ist das Projekt von Regisseur Simeon Blaesi es allemal wert, thematisiert zu werden.

Am 10. Mai 2009 soll also die Szene „Dirne-Soldat“ aus Arthur Schnitzlers „Reigen“, regelmäßig und in kurzen Abständen, im virtuellen Raum von Second Life gezeigt werden.

Blaesis Absicht: Die Chancen neuer Technologien für das Theater zu untersuchen, einzuordnen und aufzuzeigen sowie eine Diskussion über Machbarkeit und Unmöglichkeit, Sinn und Unsinn von Theater in virtuellen Welten auszulösen.

Im offiziellen Pressetext heißt es dazu:

"Blaesi tanzt mit seinem Projekt einen Drahtseilakt zwischen dem traditionellen Theater und der neuen, technisch-virtuellen Welt, in der die Figuren gesteuert werden können und keine persönlichen Empfindungen mehr zeigen. Er verknüpft zwei Welten, die sich beide im Umbruch befinden: Second Life, die Plattform im Internet, noch vor wenigen Jahren vielbeachtet, wird mittlerweile aber deutlich nüchterner betrachtet und die traditionelle Form des Theaters, sieht sich ebenfalls einem dramatischen Wandel ausgesetzt: Mittel werden gekürzt, Kosten steigen, viele Spielstätten stehen sogar vor der Schließung oder wurden bereits geschlossen. Und die Besucher? Die bleiben aus, weil sie sich die abgedrehten Phantasien des Regietheaters nicht mehr antun wollen oder anderweitig leichtere Unterhaltung finden.

Wer das Internet nutzt, wer sich auf Second Life einlässt, lässt sich gleichzeitig darauf ein, Neues zu wagen, Pionier zu sein, zu verändern. Darum, so hofft Blaesi, kann sich das Theater in Second Life noch einmal neu erfinden und neue Zielgruppen erschließen. Blaesi stellt fest, dass sich das Internet in mancher Hinsicht sogar besser für die künstlerischen Anforderungen des Theaters eigne, als die reale Welt: „Das Bühnenbild, die Kostüme und Requisiten lassen sich mit erheblich weniger Aufwand erstellen und durch die fast unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt“. Da auch die Schauspieler, nach den Rollen die sie verkörpern sollen, frei gestaltet werden können, erleichtere das die Arbeit des Regisseurs gegenüber dem Umgang mit den physikalischen Grenzen lebender Darsteller erheblich. Die Gefühllosigkeit des virtuellen Schauspielers, des Avatars, sei aus theaterwissenschaftlicher Sicht ein Vorteil, denn „der menschliche Schauspieler könne nie eine ganz reine Form der Kunst erreichen, spielten doch der eigene Charakter, die eigenen Emotionen und der Egoismus stets in die Figur mit hinein“, erläutert der Kulturmacher.

Den wissenschaftlichen Hintergrund und die theoretische Grundlage für „Reigen“  liefert Blaesis postgraduale Arbeit an der FernUniversität Hagen zum Thema "Theater in einer virtuellen Welt". Die Arbeit untersucht die Machbarkeit von Theater in der virtuellen Welt von Second Life und findet heraus, was das für Funktion und Wirkung, hinsichtlich technischer, psychologischer und gesellschaftlicher Aspekte bedeutet. Blaesis These: Theater kann, wie in der physischen Welt, auch in einer computergenerierten Umgebung erlebbar werden."

Reigen_Theater in Second Life

Weitere Infos:

Reigen
Dirne und Soldat
Arthur Schnitzler
Premiere: 10. Mai 2009, 20 Uhr
Ort: Second Life
http://slurl.com/secondlife/Bluepill/27/215/22
Vorschau/Trailer unter:
www.planb-am-see.de/download/sltvorschau090404.wmv

15. April 2009, 11:40 Geschrieben von Theater 2.0_Renate | Allgemein | 1 Kommentar |

1 Kommentar »

  1. Wer hat das gesehen? Gibts da schon Kritiken zu?

    Kommentar von Benedict | 11. Mai 2009 um 08:19 |Bearbeiten

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